System der Eliteschulen des Sports ist ohne Alternative

Kanu-Olympiasieger Andreas Dittmer, seit Anfang 2009 Projektmanager für Sportförderung beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), beantwortet im Interview Fragen zu den Eliteschulen des Sports.

 

Andreas Dittmer ist nach seiner Leistungsssportkarriere zuständig für die Sportförderung. Copyright: picture-alliance
Andreas Dittmer ist nach seiner Leistungsssportkarriere zuständig für die Sportförderung. Copyright: picture-alliance

DOSB-PRESSE: Seit Januar dieses Jahres sind Sie in der Berliner Zentrale des DSGV in der Abteilung „Gesellschaftliches Engagement und Veranstaltungsmanagement“ für Sportsponsoring und Sportförderung tätig. Was erwarten Sie von der 2010 anstehenden Evaluation der Eliteschulen des Sports, deren Hauptförderer die Sparkassen-Finanzgruppe seit Begründung des Eliteschul-Systems im Jahr 1997 ist?

DITTMER: Wir werden die Ergebnisse der Evaluation, die im Verlauf des nächsten Jahres auf sämtliche der 40 bestehenden Eliteschulen des Sports zukommt, natürlich genau anschauen. Wir verstehen uns in diesem Prozess als Partner, der Wert darauf legt, dass die Qualitätskriterien an diesen Schulen in der Praxis tatsächlich eingehalten werden. Der aktualisierte Kriterienkatalog für diese umfassende Überprüfung durchläuft derzeit die entsprechenden Gremien. Grundsätzlich muss das Ziel sein, dass dort, wo Elite drauf steht, auch Elite drin sein muss. Beispielsweise sind leistungsstarke Trainingsgruppen mit genügend Bundeskadern oder die auf die jungen Talente zugeschnittenen zeitliche Flexibilisierung von Schul- und Trainingsabläufen zwei der unerlässlichen Kriterien. Selbstverständlich ist uns als Förderer bewusst, dass Bildungspolitik der Hoheit der jeweiligen Bundesländer unterliegt. Trotzdem muss es möglich sein, an jede Eliteschule des Sports ein- und denselben Maßstab anzulegen, egal in welchem Bundesland sie sich befindet. Mit der Evaluation werden wir die Chance bekommen, sowohl ein objektives Bild von den einzelnen Standorten zu erhalten als auch einen genauen Überblick über die aktuelle Situation des Gesamtsystems aller Eliteschulen.

DOSB-PRESSE: Reichen 40 Schulen für das gesamte Bundesgebiet aus?

DITTMER: Prinzipiell ist es ja so, dass es nicht nur 40 einzelne Schulen gibt, sondern dass wir 40 Standorte haben, an denen zum Teil auch mehrere Schulformen nebeneinander bestehen und deswegen weit mehr als 40 einzelne Schulen zu diesem Verbund aus Unterricht, Training und Wohnen gehören. Es ist prinzipiell offen für Schulmodelle, die sich dafür anbieten. Andererseits ist es so, dass dieses Qualitätssiegel nicht für die Ewigkeit verliehen wird. Es kann also immer Auf- und Absteiger geben.

DOSB-PRESSE: Ist Ihrer Meinung schon ausreichend dafür gesorgt, dass immer genügend junge Sportler für die Eliteschulen nachwachsen?

DITTMER: Das ist eine sehr wichtige Frage in Zeiten, wo sich schon in den Grundschulen immer weniger Kinder bewegen, für die Jugendlichen der Sportunterricht oft viel zu kurz kommt und sportliche Betätigung für die Heranwachsenden nicht mehr selbstverständlich ist. Nach meinem Verständnis gehört es beispielsweise zum Profil eines Sportlehrers, dass er sich zugleich in einem Sportverein engagiert und versucht, sportlich talentierte Schüler als Mitglieder zu gewinnen oder zu empfehlen. Darüber hinaus stehen vor allem die Vereine in der Verantwortung, Talente zu entdecken und zu fördern. Die Sportvereine sollten ja ein ganz natürliches Interesse daran haben. Zugleich müssen die Sportvereine natürlich bereit sein, ihren besten Talenten den Weg zu den Eliteschulen des Sports zu rechtzeitig ebnen.

DOSB-PRESSE: Ist diese Bereitschaft genügend ausgeprägt?

DITTMER: Natürlich fällt es den Vereinen nicht leicht, ihre größten Nachwuchshoffnungen abzugeben, wo doch die Übungsleiter und ehrenamtlichen Helfer vor Ort so viel Herzblut in die Nachwuchsgewinnung und Förderung gesteckt haben. Doch andererseits gibt es meines Erachtens kaum eine andere Möglichkeit, um junge Sportler in die Weltspitze zu führen. An den Eliteschulen des Sports haben sie optimale Bedingungen, in manchen kleinen Vereinen sind die leistungssportlichen Perspektiven stark begrenzt. Ob und wie es in der Praxis funktioniert, darüber kann meines Erachtens am besten ein Blick in die einzelnen Sportverbände Aufschluss geben. Mann muss sich anschauen, wie es die Erfolgreichen machen. Bei uns Kanuten zum Beispiel kommen die meisten der Nationalmannschaftsmitglieder von den Eliteschulen des Sports. Quereinsteiger sind eher die Ausnahme. Bei vielen erfolgreichen Wintersportverbänden ist es ähnlich strukturiert. Wie es in Absprache mit den Vereinen am besten laufen soll, das müsste in den jeweiligen Leistungssportkonzepten der einzelnen Landesverbände festgelegt sein.

DOSB-PRESSE: Wie bewerten Sie den Wert des Eliteschul-Systems für den deutschen Leistungssport?

DITTMER: Gerade in Einzelsportarten ist meines Erachtens heute gar kein anderer Weg mehr möglich, um ganz nach oben zu kommen. In diesen Sportarten ist das System der Eliteschulen des Sports alternativlos. Beispielsweise haben nahezu sämtliche Athleten, die bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009 in Berlin für Deutschland eine Medaille gewannen, eine Eliteschule des Sports besucht. Von den deutschen Olympiateilnehmern 2006 in Turin waren 50 Prozent ehemalige Eliteschüler und sogar 75 Prozent der Medaillengewinner besuchten in Ihrer Laufbahn diese Einrichtungen. Bei den Winterspielen im kommenden Februar in Vancouver wird der Prozentsatz ebenfalls wieder sehr hoch sein. Das spricht für den hohen Stellenwert und dafür, dieses wichtige Strukturelement im Blick zu behalten und zukunftsfähig zu gestalten.

DOSB-PRESSE: Bei der Bedeutung für den deutschen Leistungssport, die Sie dem Eliteschul-System beimessen, müsste es dann nicht viel stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt werden?

DITTMER: Unbedingt, dahin gehen auch unsere Intentionen. Natürlich braucht dieses System mehr öffentliche Aufmerksamkeit und damit wäre sicher zugleich ein Ansporn für die jungen Athleten verbunden. Beispielsweise werden wir am 18. November 2009 in Oberwiesenthal einen „Tag der offen Tür“ veranstalten, zu dem neben vielen Medienvertretern auch DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach und Eberhard Gienger, der DOSB-Vizepräsident für Leistungssport sowie erfolgreiche Athleten und Olympiasieger wie beispielsweise Sylke Otto erwartet werden. Von dieser Veranstaltung erhoffen wir uns einige Ausstrahlung. Die Eliteschulen des Sports als solche sind vielen inzwischen kein Fremdwort mehr. Doch was dort genau geschieht, wie an diesen Einrichtungen der Alltag für die jungen Sportler aussieht und unter welchen Bedingungen sie dort lernen, trainieren und leben, das ist noch viel zu wenig bekannt. Um mehr Öffentlichkeit herzustellen und Aufmerksamkeit zu erzielen, wird es 2010 neben der traditionellen Ehrung der „Eliteschule des Jahres“ erstmals die Auszeichnung für die „Eliteschüler des Jahres“ geben. Die Preisübergabe erfolgt im Rahmen des DOSB-Neujahrsempfangs. Zudem werden wir sechs Eliteschüler auszeichnen, indem wir sie ins Olympische Jugendlager Vancouver entsenden.

DOSB-PRESSE: Wie bewertet der DSGV die momentan stattfindende Rundreise von Vertretern des Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), um alle Eliteschulen des Sports auf Dopingprävention einzuschwören, aufzuklären und die jungen Leistungssportler über die Anforderungen des Kontrollsystems aufzuklären?

DITTMER: Die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Prävention und Aufklärung wird in dem Moment wichtig und praktisch unerlässlich, wenn sich ein junger Athlet für den leistungssportlichen Weg entscheidet. Ihm dabei Hilfestellungen im Anti-Doping-Kampf zu geben, das ist das A und O und aus meiner persönlichen Sicht eine absolute Basis für den modernen Leistungssport. Deswegen ist es nur zu begrüßen und sehr verdienstvoll, dass die NADA auf ihrer Präventions-Tour jede der Eliteschulen des Sports vor Ort besucht und dort nicht nur mit den jungen Sportlern sondern zugleich mit Eltern, Trainern und Lehrern ins Gespräch kommt und informiert. Das Umfeld mit einzubeziehen, das ist besonders wichtig und praktisch unerlässlich.


  • Andreas Dittmer ist nach seiner Leistungsssportkarriere zuständig für die Sportförderung. Copyright: picture-alliance
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